Gun Wittrien: Rede zum Volkstrauertag 2019

  • Veröffentlicht am: 22. November 2019 - 16:35
Wolkenhimmel
Photo: J. Klang

Ich habe das Glück zu der Generation zu gehören, für die Krieg ein eher abstraktes Ereignis ist. Die aktuellen Nachrichten berichten über Kriege in aller Welt und auch wir schicken wieder Soldaten in den Krieg, aber diese Kriege scheinen, selbst im Zeitalter der Globalisierung und Vernetzung, weit weg zu sein. Auch wenn wir die Folgen dieser Kriege durch die Menschen die zu uns flüchten mitbekommen, der Krieg selbst tangiert uns nicht. Und Kriege auf deutschem Boden sind lange her. Auch meine Eltern sind zum Kriegsende bzw. nach Kriegsende geboren worden. Unsere Familie hatte keine Kriegstoten zu beklagen. Flucht & Vertreibung spielten eine Rolle, aber wir haben, im Vergleich zu vielen anderen, Glück gehabt. Meine Großeltern haben nie über den Krieg geredet, natürlich war ich neugierig, wollte etwas erfahren, aber da schien eine Blockade zu sein und schnell wurde über ein anderes Thema gesprochen. Zu schmerzlich schien das Erlebte zu sein, das sollte nicht wieder aufgerührt werden. So beschränkte sich die Information über den Krieg auf Schule und Filme.

Politisch engagiert war ich in der Friedensbewegung, die Stationierung der Pershings auf deutschem Boden, da schien im Zeitalter des kalten Krieges auf einmal der 3. Weltkrieg fast wieder vor der Haustür zu stehen. „ Schwerter zu Pflugscharen“, diese Aufkleber fanden sich auf vielen deutschen Autos oder Büchertaschen. Udo Lindenberg sang „ Wozu sind Kriege da?“.

Ein besonders eindringlicher Film, der mich damals sehr bewegt hat und gerade wieder in den Kinos gezeigt wird, ist der Film „Die Brücke“ von Berhard Vicki, der vor 60 Jahren das erste Mal in die Kinos kam. Die Sinnlosigkeit des Krieges wird anhand einer Gruppe Jugendlicher (fast noch Kinder) deutlich, die in den letzten Kriegstagen zur Verteidigung einer Brücke abkommandiert werden. Die Gruppe weiß nicht, dass diese zur Sprengung vorgesehen ist und verteidigt sie diensteifrig gegen die anrückenden US-Soldaten und dann sogar gegen das Sprengkommando der Wehrmacht. Alle, bis auf einen, kommen dabei um. Im Abspann, während die Kamera aus der Vogelperspektive über das Schlachtfeld gleitet, erscheint im Abspann „Dies geschah am 27. April 1945. Es war so unbedeutend, dass es in keinem Heeresbericht erwähnt wurde.“ Was für ein sinnloser Tod!

Ja, wozu sind denn eigentlich Kriege da? Wann hat ein Krieg je zu etwas Gutem geführt? Väter, Söhne, Brüder, Onkel oder Cousins wurden einberufen und mussten ihr Leben aufs Spiel setzen für die Ideen und Ziele einer abstrusen Politik. Oft genug verloren sie es und bei den Familien blieben Schmerz und Trauer zurück.

Andere mussten um ihr Leben fürchten für das was Sie waren oder glaubten; die, die Glück hatten, konnten fliehen. Was den Zurückgebliebenen an unmenschlichem zugefügt wurde, das übersteigt meine Vorstellungskraft, auch wenn Zeitzeugen berichtet haben.

Jedes Jahr gedenken und ehren wir die Gefallenen und Kriegstoten, aber das Interesse an diesem Gedenktag schwindet, wie neulich in der Presse zu lesen war. Was bedeuten uns die Gräber der Gefallenen heute, uns, die mit dem „Krieg“ kaum noch etwas anfangen können. Ich denke sie sagen uns „Seid wachsam und wehret den Anfängen. Lasst es nicht soweit kommen.“ Und das scheint heute wieder besonders aktuell zu sein wo der Hass auf die „Anderen“ - wer immer das gerade sein mag – durchs Internet und andere Medien blubbert und sprachliche Ausdrucksformen auferstehen die ich als gestrig und verbannt wähnte. Lassen Sie uns die Gräber der Gefallenen und Kriegstoten als Mahnung sehen für mehr miteinander statt gegeneinander!

Gun Wittrien